die Gedenkstätte – ein Mikrokosmos

In unserer Freiwilligenstelle ist viel zu tun – wir sind einer Art „Dauerstress“ ausgesetzt, der sich aber deshalb relativiert, dass wir sehr viele verschiedene Dinge machen, es dadurch nie langweilig wird und durch die ständig neuen Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, immer „frischer Wind“ in die Sache kommt.

Sascha und ich arbeiten für die pädagogische Abteilung der Gedenkstätte Theresienstadt und sind für alle deutschsprachigen Gruppen zuständig.

Vor allem kommen die Gruppen aus Deutschland, wir hatten aber auch schon eine Gruppe aus Österreich. Wir machen eigentlich alles, vom ersten Kontakt der Gruppen per Telefon oder E-Mail, über deren Programm ausarbeiten, eventuell einen Bustransfer buchen, Geld wechseln gehen, die Leute unterbringen (Begegnungsstätte oder Hotel), Essen buchen, Führungen durch Theresienstadt (große Festung, das ehemalige Ghetto und KZ mit Museen und Ausstellungen), Lidice und Prag (jüdisches Viertel) und zahlreiche Workshops, die sehr tiefes, detailliertes historisches Arbeiten zulassen.

Manchmal geht die Ausarbeitung des Programms für den Theresienstadt-Aufenthalt sehr gut und flüssig, weil die Gruppe selbst viele Ideen einbringt und sich schon auskennt; manchmal ist es schwieriger, weil die betreuenden Lehrer möglichst viele Programmpunkte in kürzester Zeit unterbringen wollen, was aus unserer Sicht allerdings den Jugendlichen nicht viel bringt.

In einem Workshop erhalten die Jugendlichen beispielsweise, eingeteilt in verschiedene Gruppen, eine Transportnummer einer ehemals inhaftierten Person. Mithilfe vollständiger Kopien der Transportlisten, die uns erhalten geblieben sind, finden die Schüler mehr über die Personen heraus. Wenn sie den Namen, ehemaligen Beruf, Geburtsdatum und Ort des Abtransportes der betreffenden Person herausbekommen haben, händigen wir ihnen eine Mappe mit einer ausführlichen Biographie der entsprechenden Person aus. Ziel dieses Workshops ist ein emotionaler Bezug zu den Opfern des Holocaust. Die Nationalsozialisten haben Menschen zu Nummern degradiert, wir gehen den Weg zurück und versuchen, wieder den Menschen nachzuzeichnen, der sich hinter dieser Nummer verbirgt. Allerdings benötigt man dafür auch etwas Zeit.

Unsere Methoden zielen primär nicht auf die Anhäufung von Faktenwissen ab, wie es manchen Lehrern vielleicht sehr lieb wäre, sondern sie sollen die Teilnehmer zum Nachdenken anregen und einen Teil dazu beitragen, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder passiert.

Auch der Propagandafilm, der im Auftrag der SS im Ghetto gedreht wurde, liegt uns vor und wir arbeiten mit den Gruppen an den Szenen dieses Dokuments. Natürlich ordnen wir diesen Film vorher und nachher ausführlich ein. Da die Arbeit ein starkes, kritisches Reflexionsvermögen voraussetzt, arbeiten wir meist nur mit volljährigen Jugendlichen an diesem Film (d.h. meist mit Abiturienten oder älteren jungen Erwachsenen).

Oft haben wir diese Punkte im Programm, wenn die Gruppen länger als einen Tag bleiben (ideal ist eine Woche, um inhaltlich tief arbeiten zu können).

Wir nehmen auch Kontakt zu den noch lebenden Zeitzeugen auf und laden sie nach Prag oder Theresienstadt zu Gesprächen mit unseren Gruppen ein. Meist befindet sich dieses Zeitzeugengespräch am Ende eines Aufenthalts in Terezín und rundet die Sache in einer stark emotionalen Form ab.

Bis jetzt konnten mir alle Gruppen bestätigen, dass sie es als eindrucksvollen Abschluss der Zeit in Terezín empfanden, wenn sie mit einem Menschen ins Gespräch kommen konnten, der die Geschehnisse, mit denen sie sich die ganze Woche auseinandergesetzt haben, am eigenen Leib erlebt hat.

Dabei gefällt mir besonders die Arbeit mit den vielen, täglich wechselnden Leuten und natürlich interessiert mich der Komplex „Theresienstadt“ an sich ungemein.

Wir sind nur leicht an die Vorgaben der tschechische Abteilung gebunden und können unsere Führungen und Workshops so machen, wie wir es für Jugendliche angemessen halten. Einerseits ist das natürlich dadurch eine sehr verantwortungsvolle Arbeit, andererseits aber auch unglaublich erfrischend, ich bin selbst immer wieder erstaunt, was so eine „wechselseitige Führung“ letzten Endes den Leuten nahe bringt, was eine frontale Standard-Führung niemals schaffen würde…

Bei dieser „interaktiven“ Führung durch das ehemalige KZ bekommt jeder Schüler eine Mappe zu einer ganz bestimmten Station im Lager ausgehändigt, auf der ein Stadtplan von Terezín aufgeklebt ist. Meist wählen wir diese Methode am Anfang eines Besuches. Die Jugendlichen müssen dann diese Station selbst finden, oft haben wir Gruppen von zwei bis drei Leuten.

Dabei geht es vor allem um spontane Assoziationen und Emotionen beim ersten Auseinandersetzen mit diesen Orten. In der Mappe befindet sich ausführliches Material zu dieser Station. Nach einer Stunde Vorbereitungszeit treffen wir uns wieder an einem zentralen Punkt und gehen gemeinsam durch das ehemalige Ghetto. Dabei stellen die jungen Leute ihren Mitschülern die entsprechenden Gebäude gegenseitig vor. Bei Bedarf ergänzen wir dann oder stellen Fakten richtig, falls es nötig ist.

Auch wenn eigentlich gesagt wurde, dass ich zwei Wochen Einarbeitungszeit am Anfang meines Dienstes bekommen werde, sah die Realität letztendlich doch anders aus: ich kam am Mittwoch an, war am Donnerstag den ersten Tag im Büro, am Wochenende in Prag und am Montag ging es mit Gruppen los. Die ersten beiden Wochen waren nicht „Einarbeitungszeit“, sie waren richtig hart, da wir fast immer zwei Gruppen gleichzeitig hatten, das heißt, dass ich schon recht bald Führungen machen musste.

Aber wenn ich ehrlich bin: Es war etwas stressig, doch die Arbeit wurde mir nie zu viel. Wenn man ins kalte Wasser geworfen wird, ist der Lerneffekt definitiv am größten.

An dieser Stelle müssen allerdings die Gründe, warum alles unterm Strich doch so gut klappte, klar gesagt werden – diese waren: die sehr gute Vorbereitung durch meinen Vorgänger Lucas während meines zweiwöchigen Praktikums in Terezín, die tolle Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Sascha und – und das ist wirklich umwerfend – der „heiße Draht“ zur tschechischen Abteilung, namentlich seien hier wieder Petra und Jana erwähnt, die uns aus den noch so aussichtslosen, organisatorischen Alpträumen befreiten, indem sie „Anrufe erledigten“ und auf einmal war alles geklärt, was eine Minute vorher unerreichbar schien – Frauenpower pur!

Jana und Petra waren es auch, die mir kurz vor meiner ersten Gruppe noch eine ausführliche Führung durchs Ghetto und die Ausstellungen (auf Deutsch!) gaben, damit ich ihre Version kenne – es war gleichzeitig ein Crashkurs, mit dem ich dann wirklich meine erste Führung hinbekommen habe (bei dieser kam Petra mit und gab mir hinterher ein Feedback).

Das scheint sehr neu zu sein, denn erst seit dem Beginn meines Freiwilligendienstes ist die Abnahme einer Führung offiziell im „Arbeitsvertrag“ verankert… ohne diese optimale Unterstützung wäre ich definitiv nicht über die ersten vier Wochen gekommen.

Besonders die „Machtstrukturen“ innerhalb der Gedenkstätte sind für Neuankömmlinge ohne solide Tschechisch-Kenntnisse anfangs schwer zu durchschauen. Es ist ein Glücksumstand, dass mein Kollege Sascha Deutsch und Tschechisch als Muttersprache spricht. So war es eine sehr anstrengende, aber letzten Endes wunderbare Zeit.

Wir hatten auch wirklich unglaublich gute Gruppen, mit denen uns die Arbeit richtig Spaß machte und von denen wir viel lernen konnten. Besonders die Jugendgeschichtswerkstatt Spandau, eine Gruppe von Mediengestaltern aus Berlin, das Coubertin Gymnasium Berlin und das Einstein Gymnasium Neuenhagen waren bis jetzt Highlights meines Freiwilligendienstes.

Vielen Herzlichen Dank an dieser Stelle an die Betreuer dieser Gruppen – Olaf Rosenwinkel, Uwe Hofschläger, Thomas Rau und Frau Steidl – für die außergewöhnlich gute Zusammenarbeit!

Viele Photos von Theresienstadt selbst gibt es hier zu sehen

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