Archiv der Kategorie: Tschechien

Heimat – Herkunft

Es ist spannend, wie sich diese Begriffe zwangsläufig aufdrängen und man seine Stellung finden muss, wenn man ein Jahr im Ausland lebt.

Ich habe meine eigene Heimat Dresden neu entdeckt und dabei lieben gelernt. Gleichzeitig fühle ich mich in Tschechien zu Hause. Etwas Besseres konnte mir eigentlich gar nicht passieren.

Interessant ist, für wie selbstverständlich man bestimmte Dinge in seiner „Heimat“ halten kann. Das beispiellose kulturelle Angebot in Dresden fällt einem erst so stark auf, wenn man sich in anderen deutschen Großstädten bewegt und es schmerzlich vermisst.

Litomerice ist zu meiner großen Überraschung auch sehr stark kulturell geprägt. Jeden Abend ist dort etwas los…

Prag ist eine absolute Ausnahme, wie jede Landeshauptstadt, und man nennt diese Stadt nicht umsonst „goldene Stadt“.

Malostranská
Malostranská
Prag, September 2009

Erwartungen an dieses Jahr

Wurden meine Ziele erfüllt?

Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben, welches unvermeidlich in seiner bisherigen „Bilanz“ im Übermaß von Schule dominiert war, habe ich etwas getan, ohne Erwartungen oder ein großes Ziel vor Augen zu haben.

Ich habe es einfach getan, freiwillig, und weil ich überzeugt davon war und bin, dass es eine gute Sache ist, für die es sich lohnt, ein Jahr zu arbeiten, ohne es „später“ gewinnbringend „geltend“ zu machen.

Das ist unglaublich schön. Ich muss niemandem Rechenschaft ablegen, außer vor mir selbst. Je ne regrette rien (“ich bereue nichts”). Soetwas sagen zu können, macht mich wirklich sehr froh.

Ich habe die Arbeit weder gemacht, um Geld zu verdienen, noch, um eine gute Note oder sonst einen Schein dafür zu bekommen. Dieser Fakt ändert vieles – wenn nicht sogar alles.

Da ich keine Erwartungen hatte, wurde ich in jeder Hinsicht bereichert.

ASF Sommerlager
Sommerlager mit Aktion Sühnezeichen in Stutthof (Sztutowo):
Wir arbeiteten im Wald auf dem Gelände des ehemaligen „Neuen Lagers“,
Polen, Juli 2010 – ein voller Erfolg!

Die Dimension dieser Erfahrung wird mir vielleicht erst im Nachgang vollständig bewusst. Ich kann schon jetzt sagen, dass ich in diesem einen Jahr um so vieles weitergekommen bin, was ich im Voraus wirklich nicht ahnen konnte. Weiterlesen

Arbeitsstelle in Terezín

Arbeiten bis zum Umfallen, oder:
Vollkommen kaputt, aber glücklich

Wahnsinnsarbeitsstelle! Wir müssen uns wirklich nicht den Vorwurf machen, dass wir nichts zu tun hatten. Teilweise waren wir wirklich rund um die Uhr „im Einsatz“.

Das Jahr 2010 war „gruppentechnisch“ von Höhen und Tiefen geprägt. Tendenziell waren in meiner „ersten Hälfte“ interessiertere und angenehmere Gruppen in Theresienstadt, trotzdem gab es auch in der 2. Hälfte meines Dienstes herausragende Gruppen, mit denen ich arbeiten durfte.

Es fing gleich Mitte Januar sehr gut an. Da kam die bereits erwähnte ASF-Ländergruppe nach Theresienstadt, um dort eine Woche inhaltlich zu arbeiten. Wie man sich vorstellen kann, war die Zusammenarbeit anders als bei anderen Gruppen, da ja alle Teilnehmer Freiwillige in Tschechien waren und sehr sensibilisiert an die Sache herangingen.
Außerdem konnten wir unsere verschiedenen Arbeitsstellen miteinander vergleichen und kritisch reflektieren. Ein sehr gelungener Theresienstadt-Aufenthalt, der mit einer zusätzlichen Übernachtung der gesamten Gruppe in unserer Wohnung in Leitmeritz endete. Dabei wurde der Wohnung (Altbau, ca. 100 qm Dachgeschoss) eine Auslastungsmöglichkeit von 12 Personen attestiert.

Servitus Gruppe - Schlammbad
besagte Ländergruppe bei einem Schlammband in Rehlovice (Groß Tschochau)
tschechische Republik, Juni 2010

Im März kamen dann die – bereits von ihren Seminaren berühmt berüchtigten – „Sachsen“ bei uns vorbei, genauer gesagt der Sächsische Förderverein der Jugendbegegnung in Terezín CR e.V., deren Mitglieder (z.B. Friedemann Bringt, Jürgen Scheinert und Armin Pietsch) uns sehr geprägt haben. Eine wunderbare und sehr außergewöhnliche Gruppe, mit der man wirklich alle Grenzen ausprobieren kann (und vor 4 Uhr nicht ins Bett kommt).

Die Gruppe, die von allen meinen Gruppen mit Abstand am besten vorbereitet war, war die Mosaik-Grundschule aus Peitz, welche Anfang Mai den Weg zu uns fand. Die fast 80 kleinen „Peitzer Pimpfe“, alle in der 6. Klasse, hatten ein Jahr lang in allen Fächern zu Theresienstadt gearbeitet. Das war sehr zu merken. Jeder Abend endete mit einer kulturellen Einlage – Singen auf dem Dachboden und traditionelle jüdische Tänze. Es ist schon sehr erstaunlich, welche Gedanken bereits Sechstklässler haben und formulieren können, wenn sie inhaltlich einwandfrei vorbereitet werden. An dieser Stelle größten Respekt vor Herrn Frank Nedoma, den Schulleiter der Grundschule, der für dieses Projekt verantwortlich ist und seit Jahren mit großem Erfolg „durchboxt“.

Sonst war das Gegenteil die Regel: Vieles, was Lehrer vorher hätten machen können und hätten tun sollen, mussten wir in Theresienstadt übernehmen, damit ein Annähern an das wirklich sehr komplexe Thema „Theresienstadt von 1941 bis 1945“ überhaupt möglich war.

Dabei haben wir oft wertvolle Zeit verloren.
Mitte Juni durfte ich dann in Zittau einen Vortrag speziell über den in Theresienstadt gedrehten Propagandafilm halten – ich war vorher bei einer Veranstaltung des Fritz-Bauer-Institutes in Frankfurt am Main dabei gewesen und hatte mich dort entsprechend fortbilden können.
Ich wurde von Armin (Mitglied des schon erwähnten sächsischen Fördervereins für Theresienstadt) in die Hillersche Villa eingeladen und konnte dort mit einer deutsch-tschechischen Gruppe arbeiten, wobei perfekt simultan übersetzt wurde. Sehr angenehm! Natürlich hatte ich auch etwas Zeit, mit Armin die Lausitz zu erkunden, und Theater- und Konzertbesuche in Zittau und Görlitz blieben nicht aus.

Einen schönen runden Abschluss bildete die Mehrtagesgruppe der BASA aus Neu-Ansprach, die Mitte Juni kam. Ausschließlich aus Teilnehmern mit Migrationshintergrund zusammengestellt, gestalteten sich besonders die Abende sehr interessant. So saß man dann noch nach Mitternacht bei geräucherten Rippchen zusammen und sang russische Lieder, um nur ein Highlight zu nennen.

Sehr nett waren auch zwei Klassen von einem Gymnasium aus Luxemburg, deren Schüler zufällig bei Google über unsere neu gestaltete Webseite „gestolpert“ waren und sich dann kurz entschlossen, Anfang Juli nach Theresienstadt zu fahren. Es war einerseits sehr spannend, Sprachen wie Luxemburgisch zu hören, andererseits noch spannender, zu sehen, wie der Holocaust in anderen Ländern (sonst hatte ich immer nur Schüler aus Deutschland) in der Schule behandelt wird.

Es gab aber auch Momente, in denen ich sehr wütend bzw. traurig war. Es kamen rassistische Äußerungen von Lehrern, unbedacht formulierte, latent antisemitische Äußerungen von Schülern, hohle Phrasen von Gruppenleitern. So setzte sich beispielsweise ein Verantwortlicher über die gesamte Führung von seiner Gruppe ab und verbrachte die Stunden, in denen ich mit seiner von der Disziplin her schwierigen Gruppe eine Führung versuchte, in einem Kaffee. Danach sagte er mir: „Herr Wulff-Woesten, wir finden das ja so toll, was Sie hier tun.“ Dieser Satz hat mich sehr frustriert.

Man muss sich auch wundern, wenn Lehrer darauf bestehen, dass eine Gruppe von Deutschtürken, die wir betreut haben, beim Essen doch gefälligst deutsch sprechen soll. Ich kann mir nicht vorstellen, mit meinen ASF-Kollegen in Tschechien nur tschechisch sprechen zu dürfen, ich wäre verloren!

Riskant wurde es, als mir ein Achtzehnjähriger nach 2 Tagen Aufenthalt in der Begegnungsstätte sagte, er fände es richtig, „dass man die Schwulen ins KZ geschickt hat.“ Schwer für mich war nicht die Diskussion mit ihm – diskutieren kann ich. Schlimm war, dass weder Mitschüler noch Lehrer etwas dazu sagten… ein großes Schweigen. Ich bin überzeugt davon, dass noch mehr Menschen in der Gruppe so dachten wie er.
Meine Meinung dazu ist der Gruppe auf jeden Fall jetzt bekannt. Er relativierte auch zum Schluss: „Okay, nicht ins KZ, aber denen gehört mal gehörig der Kopf gewaschen.“
Mit welchen Leuten wir in diesem Jahr zu tun hatten, sprengt jegliche Vorstellungskraft eines Durchschnittsabiturienten:

Hypermotivierte Lehrer, die am liebsten ALLES in einer Stunde machen würden, laxe Gruppenleiter (können wir dann in den Festungswällen grillen?), zu stark konservative katholische Verantwortliche, vollkommen unorganisierte Leute, Reisebüros, die nach einer Stunde „tschüss“ gesagt haben, Jugendliche aus so genannten „Problembezirken“, etc. etc.

Und auch wenn Sascha und mich bestimmte Dinge geärgert haben, sind wir doch sehr daran gewachsen. Eines muss dabei ganz klar gesagt werden: Den meisten Stress hatten wir mit Erwachsenen – in 36 aus 38 Gruppen waren die Jugendlichen okay bis wunderbar.

Wenn ich mal wieder mit der – mir schon einige Male gestellten – Frage konfrontiert werde…

„Ist das nicht ein verschenktes Jahr?“

…dann kann ich nur lachen und den- oder diejenige auf ein bzw. sicherlich mehrere kühle(s) Getränk(e) einladen, denn der Schatz an Geschichten und Erfahrungen, die ich aus dieser Zeit mitnehmen konnte, füllen weit mehr als einen Abend.

An dieser Stelle herzlichen Dank an meinen Kollegen Sascha, mit dem man nicht nur „Pferde stehlen“, sondern auch im fremden Ausland ohne Fahrkarte und landestypische Währung in den Eurocity einsteigen und trotzdem willkommener Gast sein kann, zumal wir das Finanzielle dann doch noch begleichen konnten.

Oder auch ohne einen Plan in die Hauptstadt Litauens zu fahren und drei unglaublich tolle Tage zu verleben ist kein Problem.

Couchsurfing in Vilnius, LT
v.l.n.r.: meine Wenigkeit, unser freundlicher Gastgeber Severas & Sascha
Vilnius, Litauen

Leider hatten wir beide kein Visum für Russland, sonst wären wir sicher gemeinsam in den großen roten Zug „Vilnius – St. Petersburg“ eingestiegen.

Und auch die Art meines Nachfolgers Yannick ist sehr angenehm – ich freue mich sehr. ASF hat gut ausgewählt! Er war schon 2 Wochen bei uns auf Arbeit und auch zu Hause in der Wohnung und wurde „auf Herz und Nieren getestet“. Dass er mit uns (Sascha und ich haben beide keinen Führerschein) von Danzig nach Dresden 12 Stunden mit dem PKW gefahren ist und uns trotz sehr kurzer Nächte heil nach Hause gebracht hat, verdient höchsten Respekt.
Ich habe alles gegeben, um ihn in unsere Materie einzuarbeiten und hoffe, dass es mir gelungen ist.

Hoffentlich fruchten unsere Versuche, die harte Arbeit etwas zu erleichtern. Wir haben z.B. radikal den kompletten Monat September für Gruppen gesperrt (ich musste 2 Tage nach Ankunft direkt arbeiten), damit die „Neuen“ etwas Zeit zum Eingewöhnen haben. Außerdem kommt zu unserer Koordinatorin Petra noch Jana dazu.
Denn auch für Petra war dieses Jahr wirklich anstrengend und manchmal purer Stress. Wir würden sie gern entlasten und hoffen, dass die Freiwilligen sie im nächsten Jahr nicht so stark einspannen müssen. Sie hat sich eine Verschnaufpause wirklich verdient!

Dank Petra hatten wir nie Probleme, nach einer wirklich harten Zeit unkompliziert Urlaub zu nehmen. Nur durch ihr flexibles „Urlaubskonzept“ war es möglich, 3 Monate am Stück nur zu arbeiten (auch am Wochenende).

Danke für alles, Petra.

Sehr hervorzuheben ist auch das Engagement von Klaudia Schümann, unserer lieben ASF-Länderbeauftragten, wodurch sich die Lage für die Freiwilligen in Theresienstadt sehr verbesserte. Wir haben von ihrer Arbeit in diesem Jahr sehr profitieren können.
Danke, Klaudi!

So viel Verantwortung hatte ich noch nie

publiziert in der Sächsischen Zeitung vom Sonnabend / Sonntag, 10. / 11. Juli 2010
von Steffen Neumann

Der junge Bannewitzer Friedemann Wulff-Woesten arbeitet im Rahmen der Aktion Sühnezeichen als Freiwilliger in Tschechien.

Gleich in meiner Anfangszeit wurde ich von meiner Kollegin einmal als Praktikant vorgestellt. Danach habe ich sie korrigiert: ‚Ich bin kein Praktikant, sondern ein Freiwilliger!‘ Philipp Kirchenmaier ist einer von neun Freiwilligen, die über die Organisation Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) ein Jahr in Tschechien arbeiten. Es sind junge Menschen, kaum dem Schulalter entwachsen. Sie lernen sehr viel, aber die Bezeichnung Praktikant passt in der Tat nicht.

Eigener Arbeitsplatz

„Ich gehöre beim Collegium Bohemicum zum Stamm der festen Mitarbeiter, habe meinen Arbeitsplatz und viel Verantwortung“, zählt Kirchenmaier auf. Der 21-jährige aus Filderstadt bei Stuttgart arbeitet in der Institution, die sich in Usti nad Labem (Aussig) um das Erbe der Deutschen in Böhmen kümmert. Dieser Arbeitsinhalt hatte ihn zunächst abgeschreckt. „Von allein wäre ich hier wohl nicht gelandet, das klang mir zu sehr nach Vertriebenenverband.“ Er hatte ganz bewusst kein Wunschland angegeben, wohin er entsandt werden wollte. „Aber Tschechien hatte ich nicht auf der Rechnung“, gibt er zu. Letztendlich ließ er sich überzeugen und bereut es nicht. Die Arbeit ist vielfältiger, als der erste Eindruck erwarten ließ.

Als Assistent der Kulturmanagerin organisiert er Kulturveranstaltungen, beantragt Gelder und leitet selbständig die Serie „Schule im Kino“. Außerdem kümmert er sich um ehemalige Zwangsarbeiter und Holocaust-Überlebende. Den Menschen hilft er bei ihren täglichen Erledigungen und ist ihnen ein treuer Gesprächspartner. Seine Erfahrung bringt er in ein Projekt mit Zeitzeugen ein, das vom Collegium Bohemicum organisiert wird.

Auch Friedemann Wulff-Woesten würde nicht tauschen wollen. Der Bannewitzer arbeitet in der pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Theresienstadt (Terezin) für die deutschsprachigen Gruppen. Im Gegensatz zu Philipp war dies sein Wunschziel. „Meine Tante war früher selbst bei Aktion Sühnezeichen und hat mich für Gedenkstättenarbeit begeistert. Und Geschichte war schon in der Schule eines meiner Lieblingsfächer.“

Trotzdem war der Beginn in Terezin nicht einfach. Zwar konnte er schon etwas Tschechisch. „Aber hier läuft vieles über Beziehungen, da muss man die Leute kennen“, beschreibt er die wohl größte Hürde. Dazu kommt, dass er zusammen mit seinem Kollegen aus Österreich seine Arbeit quasi selbst konzipiert. „Das ist eine große Freiheit, aber auch eine große Verantwortung und gerade am Anfang nicht leicht“, sagt Wulff-Woesten. Sehr geholfen haben ihm seine Kollegen aus der tschechischen Abteilung und sein Vorgänger, der ihn eingearbeitet hat.

Verfolgte Komponisten

„Wir machen eigentlich alles, vom ersten Kontakt der Gruppen per Telefon oder E-Mail, über deren Programm ausarbeiten bis hin zu Führungen und Workshops, aber auch Dinge wie einen Bustransfer buchen, Geld wechseln gehen, die Leute unterbringen, Essen buchen“, beschreibt er seinen Arbeitstag, der nicht selten erst spät abends endet. Der Lohn dafür ist Anerkennung. „Ich hatte bisher noch nie Verantwortung für so große Gruppen, das ist schon etwas Besonderes“, sagt der 19-jährige. Und er genießt auch sein neues Leben: Nicht mehr zu Hause bei den Eltern wohnen, sondern in einer WG.

Während Philipp noch unentschieden über seinen weiteren Werdegang ist, hat Friedemann schon konkrete Pläne. Er will an der Universität seine Tschechisch-Ausbildung fortsetzen. Sein Hauptfach Informatik ist von seiner jetzigen Tätigkeit jedoch weit entfernt.

Im Rahmen des Programms „Karriere mit Plan“ der TU Dresden und media project wird er aber zugleich bei einer Firma in Großpostwitz arbeiten und von da ist es bekanntlich nicht weit bis nach Tschechien. Doch jetzt wollen beide erst einmal etwas gemeinsam organisieren. Ein Konzert mit Stücken während der NS-Zeit verfolgter Komponisten. Philipp besorgt dafür das Geld und Friedemann kümmert sich um das Konzert, das in Theresienstadt aufgeführt wird.

Freiwilligendienst in Tschechien

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) gehört zu den bekanntesten Organisationen, die Freiwilligendienste vermitteln. Derzeit sind 180 Freiwillige in 13 Ländern aktiv. Der Freiwilligendienst dauert in der Regel ein Jahr und richtet sich vor allem an junge Menschen bis 30 Jahre.

Einsatzgebiete in Tschechien sind für 10-15 Freiwillige in Jüdischen Gemeinden, der offenen Altenarbeit mit ehemaligen Zwangsarbeitern, in Bildungsprojekten sowie in der Arbeit mit Roma, Behinderten und Flüchtlingen.

Freiwilligendienste vermitteln u.a. auch die Organisationen Renovabis, Initiative Christen für Europa, Evangelische Freiwilligendienste für junge Menschen, ICJA Freiwilligenaustausch weltweit.

Weitere Informationen:
servitus09.wordpress.com
asf-ev.de
fsj-adia.de

Berichte von Freiwilligen:
friedemann.wulff-woesten.de/terezin/
magdainolomouc.wordpress.com

Ostrava, Oswiecim, Olomouc

Ostrava

Eine ausgezeichnete Möglichkeit, sich persönlich während des Dienstes weiterzuentwickeln und den eigenen Horizont zu erweitern ist definitiv unsere große Freiheit, viel zu reisen. Da wir durch unsere mehrtägigen Gruppen, die wir dann fast rund um die Uhr betreuen, sehr viele Überstunden haben (eigentlich ist unsere Arbeitszeit von 9 bis 17 Uhr festgelegt), können wir uns immer mal ein paar Tage frei nehmen und unsere Kollegen und Freunde besuchen.

So besuchten wir unseren ASF-Kollegen Konstantin in Ostrava (Mähren, in der Nähe der polnischen Grenze). Ich hatte mich schon in Hirschluch und Prag gut mit ihm verstanden und war dann etwas geschockt, wie einsam er doch in Ostrava ist. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass wir bei ihm vorbeigeschaut haben, auch wenn es nicht lang war.

Ostrava
Konstantin, ASF-Kollege im Mähren,
Ostrava hlavní nádraží, tschechische Republik,
2009

Von Ostrava fuhren wir – natürlich mit der Eisenbahn – über Katowice nach Oswiecim (Auschwitz). Nachdem ich im Sommer bereits mit meinem Vater das Stammlager und Birkenau besucht hatte und auch in Krakau war, stand mein Besuch in Oswiecim diesmal ganz im Zeichen des Austauschs mit meinen Kollegen vor Ort.

Dworzec PKP Katowice
Der Zug nach Oswiecim (Auschwitz),
Katowice, Republik Polen,
2009

Meine ASF-Kollegin Julia trafen wir im jüdischen Zentrum in Auschwitz. Dort sahen wir auch ihre Kollegin Nicole, die dort ebenfalls einen Freiwilligendienst absolviert. Bei ihr konnten wir dann ganz unkompliziert drei Nächte wohnen. Wir trafen auf alle unsere Kollegen in Auschwitz (das sind recht viele, auf jeden Fall mehr als zehn) von unterschiedlichen Organisationen und konnten sehr interessante Diskussionen führen – natürlich vor allem über unsere Arbeit (die sich schon äußerst verschieden gestaltet, obwohl wir in der gleichen „Branche“ arbeiten).

Auf dem Rückweg durch Tschechien besuchten wir noch meine ASF-Kollegin Magda in Olomouc (dt.: Olmütz). Olomouc ist eine wunderschöne Stadt! An diesem Sonntag hatten alle Museen dort kostenlosen Eintritt, und so landeten wir dann, schon etwas müde, in einer Ausstellung über Antikunst, die uns zu sehr spannenden Diskussionen anregte. Neugierig gemacht von unseren Erzählungen, kam dann Magda (zusammen mit Silvia, ASF-Freiwillige in Brünn) auch zu uns nach Terezín und Litomerice und wir gaben ihr, wie fast allen unseren Besuchern, berufsbedingt natürlich gleich eine Führung…

Mehr Bilder aus Ostrava
Mehr Bilder aus Olomouc

die Gedenkstätte – ein Mikrokosmos

In unserer Freiwilligenstelle ist viel zu tun – wir sind einer Art „Dauerstress“ ausgesetzt, der sich aber deshalb relativiert, dass wir sehr viele verschiedene Dinge machen, es dadurch nie langweilig wird und durch die ständig neuen Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, immer „frischer Wind“ in die Sache kommt.

Sascha und ich arbeiten für die pädagogische Abteilung der Gedenkstätte Theresienstadt und sind für alle deutschsprachigen Gruppen zuständig.

Vor allem kommen die Gruppen aus Deutschland, wir hatten aber auch schon eine Gruppe aus Österreich. Wir machen eigentlich alles, vom ersten Kontakt der Gruppen per Telefon oder E-Mail, über deren Programm ausarbeiten, eventuell einen Bustransfer buchen, Geld wechseln gehen, die Leute unterbringen (Begegnungsstätte oder Hotel), Essen buchen, Führungen durch Theresienstadt (große Festung, das ehemalige Ghetto und KZ mit Museen und Ausstellungen), Lidice und Prag (jüdisches Viertel) und zahlreiche Workshops, die sehr tiefes, detailliertes historisches Arbeiten zulassen.

Manchmal geht die Ausarbeitung des Programms für den Theresienstadt-Aufenthalt sehr gut und flüssig, weil die Gruppe selbst viele Ideen einbringt und sich schon auskennt; manchmal ist es schwieriger, weil die betreuenden Lehrer möglichst viele Programmpunkte in kürzester Zeit unterbringen wollen, was aus unserer Sicht allerdings den Jugendlichen nicht viel bringt.

In einem Workshop erhalten die Jugendlichen beispielsweise, eingeteilt in verschiedene Gruppen, eine Transportnummer einer ehemals inhaftierten Person. Mithilfe vollständiger Kopien der Transportlisten, die uns erhalten geblieben sind, finden die Schüler mehr über die Personen heraus. Wenn sie den Namen, ehemaligen Beruf, Geburtsdatum und Ort des Abtransportes der betreffenden Person herausbekommen haben, händigen wir ihnen eine Mappe mit einer ausführlichen Biographie der entsprechenden Person aus. Ziel dieses Workshops ist ein emotionaler Bezug zu den Opfern des Holocaust. Die Nationalsozialisten haben Menschen zu Nummern degradiert, wir gehen den Weg zurück und versuchen, wieder den Menschen nachzuzeichnen, der sich hinter dieser Nummer verbirgt. Allerdings benötigt man dafür auch etwas Zeit.

Unsere Methoden zielen primär nicht auf die Anhäufung von Faktenwissen ab, wie es manchen Lehrern vielleicht sehr lieb wäre, sondern sie sollen die Teilnehmer zum Nachdenken anregen und einen Teil dazu beitragen, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder passiert.

Auch der Propagandafilm, der im Auftrag der SS im Ghetto gedreht wurde, liegt uns vor und wir arbeiten mit den Gruppen an den Szenen dieses Dokuments. Natürlich ordnen wir diesen Film vorher und nachher ausführlich ein. Da die Arbeit ein starkes, kritisches Reflexionsvermögen voraussetzt, arbeiten wir meist nur mit volljährigen Jugendlichen an diesem Film (d.h. meist mit Abiturienten oder älteren jungen Erwachsenen).

Oft haben wir diese Punkte im Programm, wenn die Gruppen länger als einen Tag bleiben (ideal ist eine Woche, um inhaltlich tief arbeiten zu können).

Wir nehmen auch Kontakt zu den noch lebenden Zeitzeugen auf und laden sie nach Prag oder Theresienstadt zu Gesprächen mit unseren Gruppen ein. Meist befindet sich dieses Zeitzeugengespräch am Ende eines Aufenthalts in Terezín und rundet die Sache in einer stark emotionalen Form ab.

Bis jetzt konnten mir alle Gruppen bestätigen, dass sie es als eindrucksvollen Abschluss der Zeit in Terezín empfanden, wenn sie mit einem Menschen ins Gespräch kommen konnten, der die Geschehnisse, mit denen sie sich die ganze Woche auseinandergesetzt haben, am eigenen Leib erlebt hat.

Dabei gefällt mir besonders die Arbeit mit den vielen, täglich wechselnden Leuten und natürlich interessiert mich der Komplex „Theresienstadt“ an sich ungemein.

Wir sind nur leicht an die Vorgaben der tschechische Abteilung gebunden und können unsere Führungen und Workshops so machen, wie wir es für Jugendliche angemessen halten. Einerseits ist das natürlich dadurch eine sehr verantwortungsvolle Arbeit, andererseits aber auch unglaublich erfrischend, ich bin selbst immer wieder erstaunt, was so eine „wechselseitige Führung“ letzten Endes den Leuten nahe bringt, was eine frontale Standard-Führung niemals schaffen würde…

Bei dieser „interaktiven“ Führung durch das ehemalige KZ bekommt jeder Schüler eine Mappe zu einer ganz bestimmten Station im Lager ausgehändigt, auf der ein Stadtplan von Terezín aufgeklebt ist. Meist wählen wir diese Methode am Anfang eines Besuches. Die Jugendlichen müssen dann diese Station selbst finden, oft haben wir Gruppen von zwei bis drei Leuten.

Dabei geht es vor allem um spontane Assoziationen und Emotionen beim ersten Auseinandersetzen mit diesen Orten. In der Mappe befindet sich ausführliches Material zu dieser Station. Nach einer Stunde Vorbereitungszeit treffen wir uns wieder an einem zentralen Punkt und gehen gemeinsam durch das ehemalige Ghetto. Dabei stellen die jungen Leute ihren Mitschülern die entsprechenden Gebäude gegenseitig vor. Bei Bedarf ergänzen wir dann oder stellen Fakten richtig, falls es nötig ist.

Auch wenn eigentlich gesagt wurde, dass ich zwei Wochen Einarbeitungszeit am Anfang meines Dienstes bekommen werde, sah die Realität letztendlich doch anders aus: ich kam am Mittwoch an, war am Donnerstag den ersten Tag im Büro, am Wochenende in Prag und am Montag ging es mit Gruppen los. Die ersten beiden Wochen waren nicht „Einarbeitungszeit“, sie waren richtig hart, da wir fast immer zwei Gruppen gleichzeitig hatten, das heißt, dass ich schon recht bald Führungen machen musste.

Aber wenn ich ehrlich bin: Es war etwas stressig, doch die Arbeit wurde mir nie zu viel. Wenn man ins kalte Wasser geworfen wird, ist der Lerneffekt definitiv am größten.

An dieser Stelle müssen allerdings die Gründe, warum alles unterm Strich doch so gut klappte, klar gesagt werden – diese waren: die sehr gute Vorbereitung durch meinen Vorgänger Lucas während meines zweiwöchigen Praktikums in Terezín, die tolle Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Sascha und – und das ist wirklich umwerfend – der „heiße Draht“ zur tschechischen Abteilung, namentlich seien hier wieder Petra und Jana erwähnt, die uns aus den noch so aussichtslosen, organisatorischen Alpträumen befreiten, indem sie „Anrufe erledigten“ und auf einmal war alles geklärt, was eine Minute vorher unerreichbar schien – Frauenpower pur!

Jana und Petra waren es auch, die mir kurz vor meiner ersten Gruppe noch eine ausführliche Führung durchs Ghetto und die Ausstellungen (auf Deutsch!) gaben, damit ich ihre Version kenne – es war gleichzeitig ein Crashkurs, mit dem ich dann wirklich meine erste Führung hinbekommen habe (bei dieser kam Petra mit und gab mir hinterher ein Feedback).

Das scheint sehr neu zu sein, denn erst seit dem Beginn meines Freiwilligendienstes ist die Abnahme einer Führung offiziell im „Arbeitsvertrag“ verankert… ohne diese optimale Unterstützung wäre ich definitiv nicht über die ersten vier Wochen gekommen.

Besonders die „Machtstrukturen“ innerhalb der Gedenkstätte sind für Neuankömmlinge ohne solide Tschechisch-Kenntnisse anfangs schwer zu durchschauen. Es ist ein Glücksumstand, dass mein Kollege Sascha Deutsch und Tschechisch als Muttersprache spricht. So war es eine sehr anstrengende, aber letzten Endes wunderbare Zeit.

Wir hatten auch wirklich unglaublich gute Gruppen, mit denen uns die Arbeit richtig Spaß machte und von denen wir viel lernen konnten. Besonders die Jugendgeschichtswerkstatt Spandau, eine Gruppe von Mediengestaltern aus Berlin, das Coubertin Gymnasium Berlin und das Einstein Gymnasium Neuenhagen waren bis jetzt Highlights meines Freiwilligendienstes.

Vielen Herzlichen Dank an dieser Stelle an die Betreuer dieser Gruppen – Olaf Rosenwinkel, Uwe Hofschläger, Thomas Rau und Frau Steidl – für die außergewöhnlich gute Zusammenarbeit!

Viele Photos von Theresienstadt selbst gibt es hier zu sehen