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So viel Verantwortung hatte ich noch nie

publiziert in der Sächsischen Zeitung vom Sonnabend / Sonntag, 10. / 11. Juli 2010
von Steffen Neumann

Der junge Bannewitzer Friedemann Wulff-Woesten arbeitet im Rahmen der Aktion Sühnezeichen als Freiwilliger in Tschechien.

Gleich in meiner Anfangszeit wurde ich von meiner Kollegin einmal als Praktikant vorgestellt. Danach habe ich sie korrigiert: ‚Ich bin kein Praktikant, sondern ein Freiwilliger!‘ Philipp Kirchenmaier ist einer von neun Freiwilligen, die über die Organisation Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) ein Jahr in Tschechien arbeiten. Es sind junge Menschen, kaum dem Schulalter entwachsen. Sie lernen sehr viel, aber die Bezeichnung Praktikant passt in der Tat nicht.

Eigener Arbeitsplatz

„Ich gehöre beim Collegium Bohemicum zum Stamm der festen Mitarbeiter, habe meinen Arbeitsplatz und viel Verantwortung“, zählt Kirchenmaier auf. Der 21-jährige aus Filderstadt bei Stuttgart arbeitet in der Institution, die sich in Usti nad Labem (Aussig) um das Erbe der Deutschen in Böhmen kümmert. Dieser Arbeitsinhalt hatte ihn zunächst abgeschreckt. „Von allein wäre ich hier wohl nicht gelandet, das klang mir zu sehr nach Vertriebenenverband.“ Er hatte ganz bewusst kein Wunschland angegeben, wohin er entsandt werden wollte. „Aber Tschechien hatte ich nicht auf der Rechnung“, gibt er zu. Letztendlich ließ er sich überzeugen und bereut es nicht. Die Arbeit ist vielfältiger, als der erste Eindruck erwarten ließ.

Als Assistent der Kulturmanagerin organisiert er Kulturveranstaltungen, beantragt Gelder und leitet selbständig die Serie „Schule im Kino“. Außerdem kümmert er sich um ehemalige Zwangsarbeiter und Holocaust-Überlebende. Den Menschen hilft er bei ihren täglichen Erledigungen und ist ihnen ein treuer Gesprächspartner. Seine Erfahrung bringt er in ein Projekt mit Zeitzeugen ein, das vom Collegium Bohemicum organisiert wird.

Auch Friedemann Wulff-Woesten würde nicht tauschen wollen. Der Bannewitzer arbeitet in der pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Theresienstadt (Terezin) für die deutschsprachigen Gruppen. Im Gegensatz zu Philipp war dies sein Wunschziel. „Meine Tante war früher selbst bei Aktion Sühnezeichen und hat mich für Gedenkstättenarbeit begeistert. Und Geschichte war schon in der Schule eines meiner Lieblingsfächer.“

Trotzdem war der Beginn in Terezin nicht einfach. Zwar konnte er schon etwas Tschechisch. „Aber hier läuft vieles über Beziehungen, da muss man die Leute kennen“, beschreibt er die wohl größte Hürde. Dazu kommt, dass er zusammen mit seinem Kollegen aus Österreich seine Arbeit quasi selbst konzipiert. „Das ist eine große Freiheit, aber auch eine große Verantwortung und gerade am Anfang nicht leicht“, sagt Wulff-Woesten. Sehr geholfen haben ihm seine Kollegen aus der tschechischen Abteilung und sein Vorgänger, der ihn eingearbeitet hat.

Verfolgte Komponisten

„Wir machen eigentlich alles, vom ersten Kontakt der Gruppen per Telefon oder E-Mail, über deren Programm ausarbeiten bis hin zu Führungen und Workshops, aber auch Dinge wie einen Bustransfer buchen, Geld wechseln gehen, die Leute unterbringen, Essen buchen“, beschreibt er seinen Arbeitstag, der nicht selten erst spät abends endet. Der Lohn dafür ist Anerkennung. „Ich hatte bisher noch nie Verantwortung für so große Gruppen, das ist schon etwas Besonderes“, sagt der 19-jährige. Und er genießt auch sein neues Leben: Nicht mehr zu Hause bei den Eltern wohnen, sondern in einer WG.

Während Philipp noch unentschieden über seinen weiteren Werdegang ist, hat Friedemann schon konkrete Pläne. Er will an der Universität seine Tschechisch-Ausbildung fortsetzen. Sein Hauptfach Informatik ist von seiner jetzigen Tätigkeit jedoch weit entfernt.

Im Rahmen des Programms „Karriere mit Plan“ der TU Dresden und media project wird er aber zugleich bei einer Firma in Großpostwitz arbeiten und von da ist es bekanntlich nicht weit bis nach Tschechien. Doch jetzt wollen beide erst einmal etwas gemeinsam organisieren. Ein Konzert mit Stücken während der NS-Zeit verfolgter Komponisten. Philipp besorgt dafür das Geld und Friedemann kümmert sich um das Konzert, das in Theresienstadt aufgeführt wird.

Freiwilligendienst in Tschechien

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) gehört zu den bekanntesten Organisationen, die Freiwilligendienste vermitteln. Derzeit sind 180 Freiwillige in 13 Ländern aktiv. Der Freiwilligendienst dauert in der Regel ein Jahr und richtet sich vor allem an junge Menschen bis 30 Jahre.

Einsatzgebiete in Tschechien sind für 10-15 Freiwillige in Jüdischen Gemeinden, der offenen Altenarbeit mit ehemaligen Zwangsarbeitern, in Bildungsprojekten sowie in der Arbeit mit Roma, Behinderten und Flüchtlingen.

Freiwilligendienste vermitteln u.a. auch die Organisationen Renovabis, Initiative Christen für Europa, Evangelische Freiwilligendienste für junge Menschen, ICJA Freiwilligenaustausch weltweit.

Weitere Informationen:
servitus09.wordpress.com
asf-ev.de
fsj-adia.de

Berichte von Freiwilligen:
friedemann.wulff-woesten.de/terezin/
magdainolomouc.wordpress.com

Ostrava, Oswiecim, Olomouc

Ostrava

Eine ausgezeichnete Möglichkeit, sich persönlich während des Dienstes weiterzuentwickeln und den eigenen Horizont zu erweitern ist definitiv unsere große Freiheit, viel zu reisen. Da wir durch unsere mehrtägigen Gruppen, die wir dann fast rund um die Uhr betreuen, sehr viele Überstunden haben (eigentlich ist unsere Arbeitszeit von 9 bis 17 Uhr festgelegt), können wir uns immer mal ein paar Tage frei nehmen und unsere Kollegen und Freunde besuchen.

So besuchten wir unseren ASF-Kollegen Konstantin in Ostrava (Mähren, in der Nähe der polnischen Grenze). Ich hatte mich schon in Hirschluch und Prag gut mit ihm verstanden und war dann etwas geschockt, wie einsam er doch in Ostrava ist. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass wir bei ihm vorbeigeschaut haben, auch wenn es nicht lang war.

Ostrava
Konstantin, ASF-Kollege im Mähren,
Ostrava hlavní nádraží, tschechische Republik,
2009

Von Ostrava fuhren wir – natürlich mit der Eisenbahn – über Katowice nach Oswiecim (Auschwitz). Nachdem ich im Sommer bereits mit meinem Vater das Stammlager und Birkenau besucht hatte und auch in Krakau war, stand mein Besuch in Oswiecim diesmal ganz im Zeichen des Austauschs mit meinen Kollegen vor Ort.

Dworzec PKP Katowice
Der Zug nach Oswiecim (Auschwitz),
Katowice, Republik Polen,
2009

Meine ASF-Kollegin Julia trafen wir im jüdischen Zentrum in Auschwitz. Dort sahen wir auch ihre Kollegin Nicole, die dort ebenfalls einen Freiwilligendienst absolviert. Bei ihr konnten wir dann ganz unkompliziert drei Nächte wohnen. Wir trafen auf alle unsere Kollegen in Auschwitz (das sind recht viele, auf jeden Fall mehr als zehn) von unterschiedlichen Organisationen und konnten sehr interessante Diskussionen führen – natürlich vor allem über unsere Arbeit (die sich schon äußerst verschieden gestaltet, obwohl wir in der gleichen „Branche“ arbeiten).

Auf dem Rückweg durch Tschechien besuchten wir noch meine ASF-Kollegin Magda in Olomouc (dt.: Olmütz). Olomouc ist eine wunderschöne Stadt! An diesem Sonntag hatten alle Museen dort kostenlosen Eintritt, und so landeten wir dann, schon etwas müde, in einer Ausstellung über Antikunst, die uns zu sehr spannenden Diskussionen anregte. Neugierig gemacht von unseren Erzählungen, kam dann Magda (zusammen mit Silvia, ASF-Freiwillige in Brünn) auch zu uns nach Terezín und Litomerice und wir gaben ihr, wie fast allen unseren Besuchern, berufsbedingt natürlich gleich eine Führung…

Mehr Bilder aus Ostrava
Mehr Bilder aus Olomouc

die Gedenkstätte – ein Mikrokosmos

In unserer Freiwilligenstelle ist viel zu tun – wir sind einer Art „Dauerstress“ ausgesetzt, der sich aber deshalb relativiert, dass wir sehr viele verschiedene Dinge machen, es dadurch nie langweilig wird und durch die ständig neuen Jugendlichen, mit denen wir arbeiten, immer „frischer Wind“ in die Sache kommt.

Sascha und ich arbeiten für die pädagogische Abteilung der Gedenkstätte Theresienstadt und sind für alle deutschsprachigen Gruppen zuständig.

Vor allem kommen die Gruppen aus Deutschland, wir hatten aber auch schon eine Gruppe aus Österreich. Wir machen eigentlich alles, vom ersten Kontakt der Gruppen per Telefon oder E-Mail, über deren Programm ausarbeiten, eventuell einen Bustransfer buchen, Geld wechseln gehen, die Leute unterbringen (Begegnungsstätte oder Hotel), Essen buchen, Führungen durch Theresienstadt (große Festung, das ehemalige Ghetto und KZ mit Museen und Ausstellungen), Lidice und Prag (jüdisches Viertel) und zahlreiche Workshops, die sehr tiefes, detailliertes historisches Arbeiten zulassen.

Manchmal geht die Ausarbeitung des Programms für den Theresienstadt-Aufenthalt sehr gut und flüssig, weil die Gruppe selbst viele Ideen einbringt und sich schon auskennt; manchmal ist es schwieriger, weil die betreuenden Lehrer möglichst viele Programmpunkte in kürzester Zeit unterbringen wollen, was aus unserer Sicht allerdings den Jugendlichen nicht viel bringt.

In einem Workshop erhalten die Jugendlichen beispielsweise, eingeteilt in verschiedene Gruppen, eine Transportnummer einer ehemals inhaftierten Person. Mithilfe vollständiger Kopien der Transportlisten, die uns erhalten geblieben sind, finden die Schüler mehr über die Personen heraus. Wenn sie den Namen, ehemaligen Beruf, Geburtsdatum und Ort des Abtransportes der betreffenden Person herausbekommen haben, händigen wir ihnen eine Mappe mit einer ausführlichen Biographie der entsprechenden Person aus. Ziel dieses Workshops ist ein emotionaler Bezug zu den Opfern des Holocaust. Die Nationalsozialisten haben Menschen zu Nummern degradiert, wir gehen den Weg zurück und versuchen, wieder den Menschen nachzuzeichnen, der sich hinter dieser Nummer verbirgt. Allerdings benötigt man dafür auch etwas Zeit.

Unsere Methoden zielen primär nicht auf die Anhäufung von Faktenwissen ab, wie es manchen Lehrern vielleicht sehr lieb wäre, sondern sie sollen die Teilnehmer zum Nachdenken anregen und einen Teil dazu beitragen, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder passiert.

Auch der Propagandafilm, der im Auftrag der SS im Ghetto gedreht wurde, liegt uns vor und wir arbeiten mit den Gruppen an den Szenen dieses Dokuments. Natürlich ordnen wir diesen Film vorher und nachher ausführlich ein. Da die Arbeit ein starkes, kritisches Reflexionsvermögen voraussetzt, arbeiten wir meist nur mit volljährigen Jugendlichen an diesem Film (d.h. meist mit Abiturienten oder älteren jungen Erwachsenen).

Oft haben wir diese Punkte im Programm, wenn die Gruppen länger als einen Tag bleiben (ideal ist eine Woche, um inhaltlich tief arbeiten zu können).

Wir nehmen auch Kontakt zu den noch lebenden Zeitzeugen auf und laden sie nach Prag oder Theresienstadt zu Gesprächen mit unseren Gruppen ein. Meist befindet sich dieses Zeitzeugengespräch am Ende eines Aufenthalts in Terezín und rundet die Sache in einer stark emotionalen Form ab.

Bis jetzt konnten mir alle Gruppen bestätigen, dass sie es als eindrucksvollen Abschluss der Zeit in Terezín empfanden, wenn sie mit einem Menschen ins Gespräch kommen konnten, der die Geschehnisse, mit denen sie sich die ganze Woche auseinandergesetzt haben, am eigenen Leib erlebt hat.

Dabei gefällt mir besonders die Arbeit mit den vielen, täglich wechselnden Leuten und natürlich interessiert mich der Komplex „Theresienstadt“ an sich ungemein.

Wir sind nur leicht an die Vorgaben der tschechische Abteilung gebunden und können unsere Führungen und Workshops so machen, wie wir es für Jugendliche angemessen halten. Einerseits ist das natürlich dadurch eine sehr verantwortungsvolle Arbeit, andererseits aber auch unglaublich erfrischend, ich bin selbst immer wieder erstaunt, was so eine „wechselseitige Führung“ letzten Endes den Leuten nahe bringt, was eine frontale Standard-Führung niemals schaffen würde…

Bei dieser „interaktiven“ Führung durch das ehemalige KZ bekommt jeder Schüler eine Mappe zu einer ganz bestimmten Station im Lager ausgehändigt, auf der ein Stadtplan von Terezín aufgeklebt ist. Meist wählen wir diese Methode am Anfang eines Besuches. Die Jugendlichen müssen dann diese Station selbst finden, oft haben wir Gruppen von zwei bis drei Leuten.

Dabei geht es vor allem um spontane Assoziationen und Emotionen beim ersten Auseinandersetzen mit diesen Orten. In der Mappe befindet sich ausführliches Material zu dieser Station. Nach einer Stunde Vorbereitungszeit treffen wir uns wieder an einem zentralen Punkt und gehen gemeinsam durch das ehemalige Ghetto. Dabei stellen die jungen Leute ihren Mitschülern die entsprechenden Gebäude gegenseitig vor. Bei Bedarf ergänzen wir dann oder stellen Fakten richtig, falls es nötig ist.

Auch wenn eigentlich gesagt wurde, dass ich zwei Wochen Einarbeitungszeit am Anfang meines Dienstes bekommen werde, sah die Realität letztendlich doch anders aus: ich kam am Mittwoch an, war am Donnerstag den ersten Tag im Büro, am Wochenende in Prag und am Montag ging es mit Gruppen los. Die ersten beiden Wochen waren nicht „Einarbeitungszeit“, sie waren richtig hart, da wir fast immer zwei Gruppen gleichzeitig hatten, das heißt, dass ich schon recht bald Führungen machen musste.

Aber wenn ich ehrlich bin: Es war etwas stressig, doch die Arbeit wurde mir nie zu viel. Wenn man ins kalte Wasser geworfen wird, ist der Lerneffekt definitiv am größten.

An dieser Stelle müssen allerdings die Gründe, warum alles unterm Strich doch so gut klappte, klar gesagt werden – diese waren: die sehr gute Vorbereitung durch meinen Vorgänger Lucas während meines zweiwöchigen Praktikums in Terezín, die tolle Zusammenarbeit mit meinem Kollegen Sascha und – und das ist wirklich umwerfend – der „heiße Draht“ zur tschechischen Abteilung, namentlich seien hier wieder Petra und Jana erwähnt, die uns aus den noch so aussichtslosen, organisatorischen Alpträumen befreiten, indem sie „Anrufe erledigten“ und auf einmal war alles geklärt, was eine Minute vorher unerreichbar schien – Frauenpower pur!

Jana und Petra waren es auch, die mir kurz vor meiner ersten Gruppe noch eine ausführliche Führung durchs Ghetto und die Ausstellungen (auf Deutsch!) gaben, damit ich ihre Version kenne – es war gleichzeitig ein Crashkurs, mit dem ich dann wirklich meine erste Führung hinbekommen habe (bei dieser kam Petra mit und gab mir hinterher ein Feedback).

Das scheint sehr neu zu sein, denn erst seit dem Beginn meines Freiwilligendienstes ist die Abnahme einer Führung offiziell im „Arbeitsvertrag“ verankert… ohne diese optimale Unterstützung wäre ich definitiv nicht über die ersten vier Wochen gekommen.

Besonders die „Machtstrukturen“ innerhalb der Gedenkstätte sind für Neuankömmlinge ohne solide Tschechisch-Kenntnisse anfangs schwer zu durchschauen. Es ist ein Glücksumstand, dass mein Kollege Sascha Deutsch und Tschechisch als Muttersprache spricht. So war es eine sehr anstrengende, aber letzten Endes wunderbare Zeit.

Wir hatten auch wirklich unglaublich gute Gruppen, mit denen uns die Arbeit richtig Spaß machte und von denen wir viel lernen konnten. Besonders die Jugendgeschichtswerkstatt Spandau, eine Gruppe von Mediengestaltern aus Berlin, das Coubertin Gymnasium Berlin und das Einstein Gymnasium Neuenhagen waren bis jetzt Highlights meines Freiwilligendienstes.

Vielen Herzlichen Dank an dieser Stelle an die Betreuer dieser Gruppen – Olaf Rosenwinkel, Uwe Hofschläger, Thomas Rau und Frau Steidl – für die außergewöhnlich gute Zusammenarbeit!

Viele Photos von Theresienstadt selbst gibt es hier zu sehen

Litomerice – jsem doma!

Sascha

Von Prag nach Leitmeritz braucht man genau eine Stunde mit einem sehr bequemen Linienbus. Petra Penicková und Jana Šmolová, meine netten Kolleginnen von der pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte Terezín, holten mich vom Bus ab. Wir brachten das Gepäck erstmal in die Wohnung und ich wartete auf Sascha und seine Freundin, die gerade zu Besuch war (bevor sie selbst einen Freiwilligendienst in Ruanda antrat).

Litomerice ist eine sehr schöne tschechische Kleinstadt mit rund 30’000 Einwohnern. Da ich dort vorher schon zwei Wochen gewohnt hatte, kannte ich mich schon einigermaßen aus und war natürlich die ganze Zeit vorher sehr aufgeregt, endlich „zu Hause“ anzukommen und mich einzurichten. Das tat ich dann auch gleich und fühlte mich von Anfang an richtig wohl. Nach drei Sprachkursen (zwei privat in Deutschland und einen in Prag) war ich auch nicht mehr ganz hilflos auf den Straßen der Stadt.

Mehr Photos – mit ein paar netten Mediengestaltern bei uns

Praha

Národní trída

Der geniale Franz Kafka sagte so schön:
„Prag läßt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen.“

Nachdem meine Mitstreiter und ich nach dem Vorbereitungsseminar in Hirschluch vollkommen übermüdet das kantige Bahnhofsgebäude von Praha-Holešovice verließen und uns mit der Metro ins Innere der tschechischen Hauptstadt begaben, konnte ich diesen kurzen, aber intensiven Ausspruch stark nachempfinden.

Ich habe mich halsüberkopf in diese Stadt verliebt und finde mich irgendwie mindestens einmal in der Woche dort wieder, sei es mit Gruppen, denen ich eine Führung im jüdischen Viertel gebe, sei es zu Zeitzeugengesprächen mit Überlebenden aus Terezín, Auschwitz und anderen Lagern oder einfach nur, um liebe Menschen zu besuchen. Prag lässt mich nicht mehr los – und ist für mich eine der schönsten Städte der Welt.

In Prag fand das für mich dritte Vorbereitungsseminar – nach Dresden (20.-22.08.) und Hirschluch bei Berlin (ab 1.9.) – statt. Wir wurden dort sechs Tage lang von unserer lieben Koordinatorin für ASF in der tschechischen Republik, Klaudia Schümann, umsorgt. Wir kochten zusammen, schauten uns ausgiebig Prag an (auch bei Nacht) und lernten mit Klaudi Tschechisch. Natürlich gab es auch einen organisatorischen Teil, doch war das Programm des Seminars in Prag sehr ausgewogen und im Vergleich zu Hirschluch sehr entspannend.

Sprachkurs in Prag
Landeskunde- und Sprachkurs
Prag, tschechische Republik,
2009

Mehr Photos

Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Ein besonderes Jahr steht Friedemann Wulff-Woesten bevor: im Rahmen seines Freiwilligendienstes wird er im tschechischen Theresienstadt leben.

Der Sekundenzeiger des Weckers tickt ruhig vor sich hin. Ein Studien- und Berufswahl-Band, ein leergegessener Knusperjoghurt und ein Sprachlernbuch Tschechisch liegen neben dem Wecker vor dem Bett von Friedemann Wulff-Woesten. Der 18-Jährige aus Rippien wird nach bestandenem Abitur ab nächsten Sommer für ein Jahr nicht mehr hier, sondern in Tschechien das Weckerklingeln hören: er leistet über die Organisation ASF e.V. einen Freiwilligendienst in Theresienstadt.

„Ich lehne Krieg grundsätzlich ab, deshalb kam Wehrdienst für mich nicht in Frage. Ein Freiwilligendienst reißt mich nach all den Schuljahren aus dem Alltagstrott heraus und weg von alteingesessenen Routinen – in ein anderes Land mit anderer Spache und Mentalität.“, erzählt Friedemann.

Die 1958 gegründete Aktion Sühnezeichen Friedensdienste setzt sich für Versöhnung und die Entschädigung aller NS-Verfolgten ein und nennt als grundlegende Aufgabe den Kampf gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus. „Deshalb wird es kein Jahr werden, in dem man einfach weg von zu Hause ist. Man hat die Möglichkeit, mit Zeitzeugen zu sprechen; also Informationen aus „erster Hand“ zu bekommen – so kann man sich authentisch mit unserer Geschichte und Gegenwart auseinandersetzen. Das ist sehr interessant und wichtig, da die Generation der Opfer – und der Täter – langsam ausstirbt.“, meint Friedemann.

Theresienstadt, 65 Kilometer nördlich von Prag und vor Ort Terezín genannt, diente in der Zeit von 1941-45 unter der Herrschaft der Nationalsozialisten als Durchgangs- und Auffanglager, bevor die Häftlinge in Vernichtungslager deportiert wurden. Insgesamt passierten rund 140 000 Personen Theresienstadt, von denen schon ein Viertel u.a. an Epidemien, Hunger oder Kälte starb.

Die Stadt galt als Vorzeigelager, welches z.B. als Drehort für den Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ von 1944 herausgeputzt wurde, um die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten zu verschleiern.

Im Lager entwickelte sich durch viele gefangene Künstler eine eigene Kulturszene, aus der bis heute Gedichte, Kompositionen, Zeichungen und „Spielpläne“ erhalten sind. Die Kunst war eine große Hilfe, den harten Lebensbedingungen im Lager standzuhalten und einen Lichtblick im Leben zu sehen – auch wenn diese Tatsache von den Nationalsozialisten benutzt wurde, um die Welt zu täuschen.

Friedemann wird voraussichtlich in der Gedenkstätte in Theresienstadt u.a. Besuchergruppen koordinieren: „Es ist sehr wichtig, Informationen weiterzugeben und vor allem viele Menschen zu erinnern. Ich freue mich über jeden, der sich für das früher Geschehene interessiert.“ Gespannt ist er in jedem Fall auf die Begegnung mit der Geschichte an einem solch besonderen Ort – und auch das Erkunden des Landes Tschechien, das sicher an den freien Wochenenden mit anderen Freiwilligen auf dem Programm stehen wird.

Bis zum Sommer hat er sich neben einem kurzen Ausflug nach Theresienstadt vorgenommen, noch möglichst viele neue Wörter auf tschechisch zu lernen – vielleicht mit einem weiteren Knusperjoghurt als Energiespender.

www.asf-ev.de
www.jugendbegegnung.de/terezin/

publiziert in der Sächsischen Zeitung vom Donnerstag, 16. April 2009
von Sophia Wulff-Woesten